Sprache und Denken

Implizit haben die bisherigen Artikel bereits Bezug genommen auf Theorien zu Sprache und Denken, die prominent von George Lakoff vertreten werden. Eine Einführung zu den Theorien von Lakoff und seiner Schülerin Elisabeth Wehling.

Grundlage: Welt und Worte

Worte sind nicht allgemeingültig und bezeichnen nicht objektive Gegebenheiten in der Welt. (Lakoff/Wehling 2008: 148)

So die Grundüberlegung. Es geht also um die Beziehung zwischen unseren Worten und der Realität, das Erfassen der Welt in Sprache. Diese Beziehung sei immer wacklig, denn wir machen uns ein Bild der Welt in unserem Gehirn, und aufgrunddessen verstehen wir die Welt:

Wir verstehen nicht, was jemand an sich sagt, sondern wir verstehen immer nur das, was unser Gehirn daraus macht, indem es die Leerstellen wertend ausfüllt, die Idee interpretiert – also, wir verstehen, was wir denken. (Lakoff/Wehling 2008: 153f.)

Der Dreh- und Angelpunkt ist also das Gehirn. Aber wie funktioniert das Gehirn?

Das Gehirn

Das Gehirn ist als neuronales Netz aufgebaut. Es besteht aus Knoten, die verbunden sind; Knoten und Verbindungen sind formbar: Oft Wahrgenommenes wird gestärkt (so lernen wir z.B. Vokabeln), und je häufiger zwei Dinge zusammen gesagt oder erlebt werden, desto stärker werden sie verbunden.

Wenn ich elf bin und Zug höre, verbinde ich damit Urlaub – wenn ich jeden Tag zur Arbeit pendle, denke ich aber vielleicht an überfüllte, schlecht klimatisierte Züge. Das heisst: meine Sicht auf die Welt hängt von meinem Erleben ab, das sich duch Wiederholung im Gehirn festsetzt und Assoziationen und Denkmuster formt.

Eine Art des Erlebens ist auch Sprache: Sie ruft Knoten im Hirn auf und verstärkt sie („Reinforcing„), verbindet sie und formt so ebenfalls Denkmuster in Form von Konzepten, Bildern oder Narrativen.

Eine spezielle Art des sprachlichen Zugriffs sind Metaphern (Wehling: „Gehirn nimmt einen Schleichweg“).

Metaphern

Metaphern sind Übertragungen auf einen anderen Kontext. Beim Satz „Deine Worte sind ein Schlag in mein Gesicht“ ist die Übertragung offensichtlich, weniger hingegen bei Metaphern wie „Es geht vorwärts für die Kandidatin, ihr Kontrahend liegt zurück“.

Der Kontrahend ist eigentlich der ‚Gegner im Kampf‘ – hier wird also ein Kontext aufgerufen: „wir sind im Krieg“ – Mitspieler würde z.B. eine andere Assoziation hervorrufen.

Vorwärts und zurück sind mit einer Wertung versehen: gemeint ist im Grunde ‚besser‘ und ’schlechter‘. Solche räumliche Metaphern sind sehr häufig (man denke an hohe Preise oder tiefes Ansehen). Sie funktionieren nach der Logik oben/vorne ist mehr (ist positiv), unten ist weniger (ist negativ). Lakoff misst diesen Verknüpfungen eine hohe (sic) Bedeutung zu.

Metaphern suggerieren also oft eine Interpretation: „Steuern sind Diebstahl“ ruft ein ganz anderes Bild auf als „Steuern sind ein Geschenk an die Allgemeinheit“.

Metaphern zeigen laut Lakoff auch, dass Worte nicht die Realität bezeichnen; vielmehr konstruieren sie sie. Indem eine Parallele zwischen Steuern und Geschenk hergestellt wird, wird ein Deutungsrahmen vorgegeben – so genanntes Framing.

Framing

Derselbe Inhalt kann verschieden geframt („eingerahmt“) werden. Wenn in den Nachrichten verkündet wird, dass der Präsident „in einen sich schon Jahre hinziehenden Krieg zieht“, hat dies einen ganz anderen Fokus, als wenn er „die Armee gegen Bedrohungen einsetzt, um das Heimatland zu verteidigen“.

Sprache wird eingesetzt, um die eigene Sicht auf die Dinge zu vermitteln. Das ist kein Skandal und nicht verwerflich. Wir versuchen ständig, anderen eine Perspektive anzubieten, die unsere Seite unterstützt („Mami, darf ich? Der Nachbarsbub darf auch!“). Framing ist Teil der alltäglichen, aber insbesondere auch der politischen Auseinandersetzung und kann für gute und schlechte Ziele eingesetzt werden. Zu „politischer Mündigkeit“ gehört es, diesen Mechanismus zu erkennen.

Denken Sie nicht an einen rosaroten Elefanten!

Aus dem Aufbau des Gehirns folgt noch etwas: Verneinung verstärkt das ursprüngliche Bild. In Lakoffs Worten:

When we negate a frame, we evoke the frame.

Gibt eine Partei vor, es gebe eine Massenpinguinisierung, und die anderen sagen nein, es gibt keine Massenpinguinisierung, bleibt in den Köpfen der Begriff Massenpinguinisierung kleben. Strategisch geschickter wäre, ein eigenes Frame zu prägen.

Und was heisst das jetzt?

Die Theorien nochmals kurz im Schnelldurchlauf:

  • Sprache ist nicht objektiv. Wir wählen Worte aufgrund unserer individuellen Wahrnehmung der Welt. Und wir verstehen die Worte anderer aufgrund unserer Wahrnehmung („Wir verstehen, was wir denken“).
  • Unser Gehirn ist formbar. Erlebnisse, aber auch Sprache, beeinflussen den Aufbau und damit unsere Wahrnehmung. Durch Wiederholung bilden sich Denkmuster (Konzepte, Bilder, Narrative) heraus.
  • Metaphern, also Übertragungen von Worten auf einen anderen Kontext, sind Denkmuster. Viele erkennen wir nicht als solche, sie leiten aber unser Denken und können eine Interpretation suggerieren.
  • Framing bezeichnet ein strategisches Vorgehen im Gespräch, um anderen ein Denkmuster anzubieten, einen Rahmen vorzugeben.
  • Negation ist kontraproduktiv – denn gezwungenermassen wird dabei auch das Verneinte im Gehirn verstärkt.

Daraus lassen sich nun Schlüsse ziehen. Zum Beispiel: Fasse deine Botschaft in Metaphern, die ziehen. Mach ein eigenes sprachliches Frame auf, denn der Rahmen des politischen Gegners unterstützt seine Argumente. Benutze nicht die Worte, welche die anderen vorgeben.

Diese Effekte lassen sich nachweisen. Man kann sich hingegen darüber streiten, wie wichtig sie im politischen Diskurs im Vergleich zu anderen Faktoren sind – nicht alles ist Sprache in der Politik, aber ohne Sprache keine Politik.

weiterlesen, -hören und -schauen

Zitate stammen, wo nicht anders gekennzeichnet, aus: George Lakoff, Elisabeth Wehling (2008): Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht. Zitiert nach dem Auszug in Hoffmann, Ludger (Hg.): Sprachwissenschaft. Ein Reader. 3. Auflage, 2010. S. 147–154.

Mehr von Lakoff und Wehling:

Der BBC-Podcast More or Less behandelt in der Ausgabe vom 16.4.17 die Tücken des „Debunking“ (Widerlegen von Falschmeldungen) und den Kampf mit dem „Rosa-Elefant-Effekt“ (ab Min. 6:50 bis ca. 14:40).

Wie man vom Thema ablenkt

Die Strategie ist nicht sonderlich neu oder einzigartig, aber in diesem Video (englisch) wird sie schön auseinandergenommen: Nicht auf die Frage eingehen und ablenken – dabei aber den Anschein erwecken, etwas zum Thema zu sagen, indem man ein Stichwort wiederholt.

Mein Senf dazu: Konversationsmaximen! Der Trick besteht nicht nur in der Täuschung, denn diese ist relativ einfach zu durchschauen (wenn auch gar nicht so schnell zu kontern, wie man vielleicht denkt). Conway nutzt aus, dass es uns widerstrebt, auf etwas herumzureiten und mehrmals nachzuhaken. Dies ist, ein kooperativer Gesprächsteilnehmer vorausgesetzt, eine durchaus sinnvolle Annahme. Conway unterläuft aber diese Annahme, indem sie nicht kooperiert – und zwar so unverfroren, dass anscheinend auch gestandene Journalisten nicht damit umgehen können.

 

Contra Unternehmenssteuerreform

Absender: Komitee gegen USR III

Adressaten: Stimmberechtigte

Die Gegner der Unternehmenssteuerreform operieren mit der Parole Milliarden-Bschiss am Mittelstand! (mit Variationen wie Noch mehr Steuern für den Mittelstand?), flankiert von Wir bezahlen, Grossaktionäre profitieren! Jetzt reichts!

Die zentralen Motive sind komprimiert in Milliarden-Bschiss am Mittelstand:

  • Milliarden: Es geht um viel Geld, ist also wichtig. Als Vorderglied wirkt Milliarden- als Verstärkung, ähnlich Riesen-.
  • Bschiss: Neben der offensichtlichen Bedeutung (die verarschen uns) zieht das Wort eine persönlichere Ebene ein: Dialekt steht einerseits für gesprochene Sprache, andererseits ist Bschiss kein politisch-technischer Begriff, sondern vermittelt ein Gefühl von „unser uns gesagt“.
  • Der Mittelstand ist fast so etwas wie ein Schweizer Mythos. Gegenüber Begriffen wie das Volk oder die Schweizer, mit denen von anderer Seite gern operiert wird, wirkt er allerdings weniger pathetisch, bild- und gefühlsgewaltig, sondern analytischer. Wo die Mitte anfängt und wo sie aufhört, ist eine Definitionsfrage; da sich fast alle zum Mittelstand zählen, sind damit potenziell auch alle angesprochen.

Die Parole Milliarden-Bschiss am Mittelstand möchte ein „sie gegen uns“-Gefühl hervorrufen. Wir sollen uns darüber empören, dass die uns für dumm verkaufen wollen. Wer die (unter anderem) sind, ist mit Grossaktionäre explizit benannt. Das Bild, das vermittelt wird, ist das von einem Gros der Leute (Mittelstand), die geprellt werden, während Begüterte gut davonkommen.

Der Tonfall von Skandal und Empörung wird gesetzt durch die Redewendung jetzt reichts, durch Ausrufezeichen und die rethorische Frage, die mit noch mehr eingeleitet wird. Damit wird allerdings auch der „wir werden immer mehr geschröpft vom Staat„-Topos bedient.

sichern & stärken

Absender: Pro-Komitee USR III

Adressat: Stimmberechtigte

Das Pro-Komitee zur Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform III operiert auf den Plakaten mit zwei simplen Aussagen: Arbeitsplätze sichern und Schweiz stärken. Was steckt hinter den Parolen?

Fokus: welche Verbindungen stellen die zwei Substantive her?

  • Arbeitsplätze bringt die Steuerreform auf die persönliche Ebene: Es geht um deinen Job. Die implizit abgerufene, aber nicht explizit benannte Behauptung ist: Unternehmen, die weniger Steuern zahlen, schaffen Arbeitsplätze.
  • Schweiz verbindet die Reform mit Gefühlen fürs Vaterland: Du tust etwas für unser Land, wenn du ja stimmst.

Konnotation: Die Verben sichern und stärken sind positiv aufgeladen. Sicher ist man, wo man sich geschützt und wohl fühlt. Stark heisst kräftig und anderen überlegen. Sicherheit steht für das Bewahren, das „passive Wohlergehen“, Stärke fürs „aktive Wohlergehen“, die Kraft zur Veränderung.

Die trockene Steuerreform wird also aufgefaltet in mehrere positive Bilder: Es geht um deinen Job, es geht um unser Land, und wir wollen doch das Gute bewahren und vorwärts zum besseren. Ob die Neuordnung der Geldströme, wie sie im Gesetz geregelt ist, diese Wirkung hat, ist Glaubenssache.

Unternehmenssteuerreform (steuerliche Massnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit)

Absender: Bundesrat

Adressaten: Parlament zur Beratung, Wahlberechtigte im Rahmen des Referendums

Die Abstimmungsfrage auf dem Stimmzettel lautet: Wollen Sie das Bundesgesetz vom 17. Juni 2016 über steuerliche Massnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmensstandorts Schweiz (Unternehmenssteuerreformgesetz III) annehmen? – Denn so benannte der Bundesrat die Unternehmenssteuerreform III offiziell (vgl. parlament.ch).

Nehmen wir diesen Sermon einmal auseinander.

Deutsch Französisch
Bundesgesetz Loi fédérale
über sur
steuerliche Massnahmen l’amélioration
zur des
Stärkung conditions fiscales
der en vue de
Wettbewerbsfähigkeit renforcer la compétitivité
des du
Unternehmensstandorts Schweiz site entrepreneurial suisse

Unternehmenssteuerreform klingt dröge. Also wurde das dreigliedrige Kompositum auseinanderzupft und in eine viergliedrige Nominalphrase gegossen, verbunden durch Präpositionen und Genitive:

(N-N)-N → N-(Präp-N-(Gen-N-(Gen-N)))

Die Unternehmenssteuer findet sich wieder in:

  • steuerliche Massnahmen
  • Unternehmensstandort Schweiz

Unternehmensstandort Schweiz ist gegenüber Unternehmen(ssteuerreform) eine clevere Ausschmückung, denn damit wird der Fokus auf den Beitrag der Unternehmen für „die Schweiz“ gerichtet.

Das letzte Glied des Kompositums Unternehmenssteuerreform ist die Reform, technokratisch für „Veränderung“. Diese findet sich wieder in Massnahmen sowie Stärkung – wobei Stärkung klar positiv konnotiert ist. Massnahmen klingen wenig spassig, aber immerhin suggerieren sie Aktion – es wird etwas getan. So wird aus der Überarbeitung bürokratischer Regeln eine Veränderung hin zu grösserer Stärke.

Die Wettbewerbsfähigkeit schliesslich ist ein Schlagwort mit positiver Konnotation, welches durch das Auseinanderziehen zusätzlich untergebracht werden konnte.

Ebenfalls neu eingeführt wird die Schweiz, als Teil des Unternehmensstandorts Schweiz. Der Ausdruck ist schon fast eine stehende Wendung, die von Seiten der Verwaltung, von Firmen, Medien und wirtschaftsnahen Parteien verwendet wird. Das sprachliche Bild bringt Wirtschaftstätigkeit und Patriotismus zusammen. Durch seine Verwendung einerseits dessen Kraft angezapft und andererseits das sprachliche Bild gestärkt.

Das ganze Konstrukt wirkt bürokratisch („Verwaltungssprech“) und überladen, aber gleichwohl lebendiger als „Unternehmenssteuerreform III“. Es ist mit positiven Konnotationen aufgeladen: aus den neutralen Bausteinen Unternehmen, Steuer und Reform wurde einzig Steuer beibehalten, die Reform wurde zu Massnahmen zur Stärkung (positive Konnotation), Unternehmen zu Unternehmensstandort Schweiz (Verbindung mit Patriotismus, Anknüpfung an zuvor gezeichnetes Bild) und zusätzlich wurde die Wettbewerbsfähigkeit (positive Konnotation) ins Spiel gebracht.

Auf Französisch steht mit kleineren Abweichungen eine parallele Konstruktion, wobei die Massnahmen zu „Verbesserung der Bedingungen“ (amélioration des conditions) aufgefaltet sind, was gegenüber Massnahmen eine zusätzliche positive Konnotation hineinbringt.